Was tun, wenn einem das eigene Heim, der Boden, auf und von dem man lebt, der Fluss, der Lebenselixier und Einnahmequelle ist, entrissen und nicht selten mit unlauteren Methoden zerstört werden? Zahllose Menschen sind vom Bau des noch immer nicht endgültig genehmigten Wasserkraftwerks Belo Monte auf so fundamentale Weise betroffen und zugleich ohnmächtig, ihr Schicksal in irgendeiner Form zu beeinflussen, dass Eliane Brum in den letzten 12 Monaten nicht weniger als vier große, großartige Reportagen über die Auswirkungen geschrieben hat. Unmittelbar und verstörend sind die Stimmen der Menschen, die sie besucht, tragisch ihre Geschichten. Sie reagieren mit Wut, ihren letzten Kräften, aber auch mit Lähmung und Resignation auf die Zerstörung ihres bisherigen Lebens, und dass die Journalistin dies an keiner Stelle beschönigt und weder die Unternehmen noch die enttäuschenden Politiker wie Lula und Dilma Rousseff schont, ist in einem Land wie Brasilien, wo investigativer Journalismus lebensgefährlich sein kann, nicht selbstverständlich. Dabei gelingt ihr, journalistische Arbeit, profundes Wissen, grundlegende Empathie und literarisch eindrucksvolle Beobachtungen vor allem auch darüber, was die Sprache der Menschen über sie selbst und ihren Zustand aussagt, kraftvoll miteinander zu verknüpfen.

Eliane Brum (geb. 1966 in Ijuí, Rio Grande do Sul) ist Schriftstellerin, Journalistin und Dokumentarfilmerin. Sie schrieb die Reportagebände »Coluna Prestes: O Avesso da Lenda« (1994), »A vida que ninguém vê« (2006) sowie »O olho da rua: Uma repórter em busca da literatura da vida real« (2008). 2001 erschien ihr erster Roman »Uma Duas«. Mit Débora Diniz drehte sie 2005 den Dokumentarfilm »Uma vida severina« und 2010 mit Paschoal Samora »Gretchen filme estrada«. Sie lebt in São Paulo.

Moderation des Gesprächs und Lesung: Wanda Jakob
Künstlerbeitrag: 10€ / 8€

IG – InitiativGruppe e.V., Karlstraße 48 Hinterhaus (Eingang neben Tengelmann)
www.initiativgruppe.de

Reservierung: info@lusofonia-muenchen.de
Eine Veranstaltung von LUSOFONIA e.V. in Kooperation mit Casa do Brasil e.V., gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München und TAP Portugal

Kulturreferat LH München

Literatur aus Angola: Anthologie Angola Entdecken! und Die Durchsichtigen von Ondjaki
Montag, 26. Oktober 2015, 19:30 Uhr
IG – InitiativGruppe e.V., Karlstraße 48 Hinterhaus (Eingang neben Tengelmann)

Lesung mit Manuel Jorge Marmelo aus Portugal: Eine tausendmal wiederholte Lüge
Donnerstag, 5. November 2015, 19:30 Uhr
IG – InitiativGruppe e.V., Karlstraße 48 Hinterhaus (Eingang neben Tengelmann)

Lesung mit Eliane Brum aus Brasilien
Mittwoch, 11. November 2015, 19:30 Uhr
IG – InitiativGruppe e.V., Karlstraße 48 Hinterhaus (Eingang neben Tengelmann)

Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München

Kulturreferat LH München

Beatriz Bracher Die Verdächtigung
Assoziation A, 2015

Brasilien hat seit dem Regierungswechsel 2003 einen beachtlichen Entwicklungsprozess vollzogen. Unter den Präsidentschaften von Lula da Silva und Dilma Rousseff, beide Arbeiterpartei PT, gelang es, wirtschaftliches Wachstum mit sozialem Fortschritt zu verbinden. Brasilien ist international nicht mehr zu überhören, weder politisch, noch wirtschaftlich, noch kulturell. Doch hinter der „attraktiven Fassade“ von Fußball, Copacabana, Karneval und Amazonas steckt auch eine dramatische soziale Ungleichheit in der Gesellschaft. Auch wenn die sozialen Protestbewegungen, die im Juni 2013 im Rahmen des Confederation Cups aufgekommen sind, mittlerweile wieder an Intensität verloren haben, so ist das Land nach wie vor sozial zerrissen. Die bis heute weitgehend unverarbeitete Vergangenheit Brasiliens trägt dazu bei.

Beatriz Bracher verarbeitet in ihrem Roman Die Verdächtigung das Trauma der brasilianischen Militärdiktatur von 1964 bis 1985. Der Protagonist, ein ehemaliger Lehrer, jetzt pensioniert, zieht in eine Kleinstadt um. Das Aufräumen des alten Elternhauses bietet ihm Gelegenheit, sein eigenes Leben bis hin zur Jugendzeit Revue passieren zu lassen. Er engagierte sich damals politisch und bekam mit dem Militärregime Schwierigkeiten. Er war sich sicher, auch unter Folter niemanden verraten zu haben und doch wurde er ein Leben lang verdächtigt und für den Tod seines Freundes und Schwagers verantwortlich gemacht.

Der Autorin gelingt es mit diesem komplexen und assoziativ konstruierten Roman, persönliche und gesellschaftliche Tragödien zusammenzubringen. Der Ich-Erzähler reflektiert nicht nur über Begebenheiten und Begegnungen, sondern versucht vor allem, die eigenen Erinnerungen zu ordnen und sie in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang brasilianischer Zeitgeschichte zu stellen.

Der Roman, eine Reflexion über subjektives und kollektives Gedächtnis, über Erkenntnis und Schweigen, kann auch als eine leidvolle Absage an Utopien und Träume gelesen werden. Darüber wollen wir gemeinsam mit der brasilianischen Autorin Beatriz Bracher und Prof. Dr. Ursula Prutsch, LMU, Lehrstuhl für Amerikanische Kulturgeschichte diskutieren.

Mit Beatriz Bracher und Prof. Dr. Ursula Prutsch
Deutsche Lesung und Dolmetschen: Patrícia Viegas-Louro
Moderation: Vera Cornette, Bayerischer Rundfunk

Eintritt 8 € / ermäßigt 5 €
Um Anmeldung wird gebeten

Information und Anmeldung: www.bayernforum.de
oder per Mail: bayernforum@fes.de

Lothringer 13, Rroom
Lothringer Str. 13
81667 München
www.lothringer13.de

Eine Veranstaltung des BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung

In Kooperation mit Lusofonia e. V.

Der Countdown läuft: Wer wird Fußballweltmeister 2014? Brasilien, das größte Land Lateinamerikas und Fußballrekordmeister richtet die WM im eigenen Land aus. Die Erwartungen der Brasilianer sind hoch. Aber nicht nur in Bezug darauf, wer Weltmeister wird. Seit Juni 2013 ist die WM Auslöser der bis dato größten Protestbewegungen, die das Land seit der Militärdiktatur in den 1980er Jahren erlebt hat. Die Planungen und Vorbereitungen des Sportgroßereignisses machten soziale Missstände und Ungerechtigkeit überdeutlich. Die aufgestaute Unzufriedenheit und Frustration trieb Millionen Brasilianer auf die Straßen, um gegen Korruption und für Chancengleichheit einzutreten.

Eine Woche nach dem Finale in Brasilien wollen wir noch einmal den Blick dorthin werfen und die Frage nach der gesellschaftlichen und politischen Verfasstheit des Landes stellen. Haben die sozialen Bewegungen in Brasilien gezeigt, dass ein anderer, ein demokratischerer und rebellischerer Fußball möglich ist? Wie verlief die WM und vor allem, wird sich im Anschluss daran etwas für die Bevölkerung verändern?

Ekrem Güzeldere, Politikwissenschaftler und politischer Analyst in Istanbul, berichtet während der Fußballweltmeisterschaft aus Brasilien und wird uns von seinen Beobachtungen berichten.

Mario Lopes, Tänzer und Choreograf bei DMV22, ist in São Paulo geboren und aufgewachsen. Als künstlerischer Leiter von +br14 ist er in München und wird uns von seinen Erfahrungen zur gesellschaftspolitischen Lage in Brasilien berichten und eine Einschätzung zu seiner Heimat geben.

Brasilien steht nicht allein mit einer neuen Form der Artikulation und Intensität sozialer Proteste, die eine neue gesellschaftliche Ordnung formulieren. Auf dem Podium wird durch die Experten auch ein Bogen zu den Gezi-Protesten in Istanbul geschlagen.

Die Fishbowl-Diskussion wird begleitet von Musik der Künstler von +br14.

Moderation:
Katrin Schömann, BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung
Anna-Lena Koschig, Kulturwissenschaftlerin

Eine Veranstaltung des BayernForums der Friedrich-Ebert-Stiftung (www.bayernforum.de) in Kooperation mit LUSOFONIA e.V.

+br14 ist die diesjährige Aktion von PLUSbrasil, einem interdisziplinären Kunstprojekt im Austausch zwischen São Paulo und München, das seit 2008 von HumaVida und LUSOFONIA e.V. veranstaltet wird.

Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der LH München und Universidade de São Paulo. Mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des Goethe-Instituts.

Chaotisch, in dynamischer und defensiver Architektur, die dem Zyklus von Zerstören und Bauen folgt, bewegt sich die Stadt. Innerhalb eines solchen riesigen Moduls pulsieren wir – gehen ein und aus, besetzen und verlassen, halten an und bewegen uns fort. Manipuliert von Architektur und Bewegung folgen wir physisch konkret den uns auferlegten Verpflichtungen, und nur im Traum ist das Anhalten ein Ausweg.

TREPP ist eine OpenAir-Performance, die Graffiti, Videokunst, zeitgenössischen Tanz und live aufgeführte Neue Musik miteinander verbindet. Das Stück erzeugt eine Sinfonie bewegter Bilder, die dem Takt der Musik folgen und die Alltagsperspektive verändern. Es wurde 2013 während einer Künstlerresidenz in der Villa Waldberta erarbeitet, in São Paulo um die Komposition von Yuri Prado erweitert und im Zusammenspiel mit dem Ensemble Ôctôctô weiterentwickelt.

DMV22:
Tanz: Mario Lopes, Marina Massoli
Digital Painting: Achiles Luciano
Videomapping: Vitor Pardinho

Ensemble Ôctôctô
Cibele Odete Palopoli – Querflöte
Luis Santiago Malaga Leme – Saxophon
Felipe Pinheiro Roque – Trompete
Yuri Prado Brandão de Souza – Guitarre
Márcio Modesto – Klavier
Edinaldo Santos – Posaune
Miguel Eduardo Diaz Antar – Kontrabass
Rubens José de Oliveira Junior – Schlagzeug
Prof. Dr. Michael Kenneth Alpert

+br14 ist die diesjährige Aktion von PLUSbrasil, einem interdisziplinären Kunstprojekt im Austausch zwischen São Paulo und München, das seit 2008 von HumaVida und LUSOFONIA e.V. veranstaltet wird. In Kooperation mit BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung und Projektraum Streitfeld.

Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der LH München und Universidade de São Paulo. Mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des Goethe-Instituts.